Ist Albrecht Dürer ein Fehler unterlaufen? Eine überraschende Entdeckung in seinem Holzschnitt ‘Der Zeichner der Laute’


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Visuelle Untersuchung des Holzschinttes ‘Der Zeichner der Laute’, bei Albrecht Dürer, 1525.

Siehe auch: Dürer hatte einen Mann im Sinn und nicht eine Frau – Fehldeutungen über den Holzschnitt ‘Ein Mann zeichnet eine liegende Frau’. (Blog in Englisch)

Was folgt ist ein direktes Ergebnis unterrichts gestützter Forschung.

Auf der Suche nach historischem Bezugsmaterial für unsere neue Design Basisklasse fiel mir der Holzschnitt ‘Der Zeichner der Laute’ von Albrecht Dürer auf. Durer,Man drawing a Lute AD 1525, RiedelbauchIch konnte nicht voraussehen, dass dieser weltbekannte Druck mich in eine umfassende Internet- und Literaturforschung führen und mich am Ende den Meister der Nördlichen Renaissance noch mehr schätzen lernen würde. Die Entdeckung und Ergebnisse sind in den folgenden Zeilen und Abbildungen festgehalten.

duerer-selbstbildnis.jpg

Albrecht Dürer, der bedeutende Künstler wurde 1471 in Nürnberg – zu seiner Zeit ein Zentrum des Kunsthandwerkes – geboren. Er war gebildet und mit vielen seiner einflussreichen Zeitgenossen befreundet. Seine Reisen nach Italien, der Schweiz und in die Niederlande machten ihn damals zu einem Kosmopoliten. Während seiner zweiten Italienreise schrieb er 1506 an den Humanisten und Freund Willibald Pirckheimer, es würde ihm jemand mehr über ‘geheime Kunst der Perspektive’ zeigen. (a, Strauss 1977). Zweifellos waren es die Einsichten in diese Kunst, die ihn die perspektivischen Apparate entwickeln liessen, die er in seinen Büchern so überzeugend illustrierte.

Albrecht Dürer ist für seine Gravuren, Holzschnitte, Gemälde sowie für seine illustrierten Bücher, wie dasjenige über die ‘Underweysung der Messung Mit dem Zirckel un Richtscheyt’durer-manual-cover-512.jpg bekannt. Der Holzdruck ‘Der Zeichner der Laute’ ist im vierten Band der ‘Unterweissungen’ unter dem Kapitel ‘Über die Theorie der Perspektive’ zu finden. Darin illustrierte Dürer wie man mittels seiner praktischen Vorrichtung eine detaillierte perspektivische Abbildung auf einer schwenkbaren Leinwand festhalten kann. In der ersten Auflage von 1525 zeigt Dürer zwei Vorrichtungen die es ermöglichen eine Perspektive korrekt abzubilden. Zur Neuauflage dieses Buches, -es erschien 1528 in Dürer’s Todesjahr-, hatte er drei weitere Apparaturen entwickelt. Sein Ruf als Künstler, sein Interesse an der Geometrie und seine Erfindungen lassen ihn ebenbürtig neben Raphael und Leonardo da Vinci erscheinen.

Ich verwende Albrecht Dürer’s Druck mit der Laute in meinem Unterricht, da er das Prinzip der Bildebene klar illustriert. Um die Abhängigkeit der Abbildungsgröße vom Abstand der Bildebene zum Betrachtungspunkt zu demonstrieren, habe ich eine ‘zeitgenössische’ Variante dieses dürerischen Systems entwickelt.student-durer-laser-512.jpg Zwei Glasplatten werden in etwa einem Meter Abstand voneinander so aufgestellt, dass ein Objekt durch beide Glasplatten (Bildebenen) betrachtet werden kann. Ein Laserpointer, auf einem Stativ montiert, verkörpert den Betrachtungspunkt. Wenn aktiviert, leuchtet der Laserstrahl durch beide Glasplatten auf das Objekt und lässt gleichzeitig einen roten Punkt auf beiden Bildebenen sowie dem Objekt erscheinen. Die Studenten tasten dann das Objekt mit dem Laser Punkt für Punkt ab und markieren die dominierenden topologischen Merkmale auf den gläsernen Bildebenen. Beide Glasplatten zeigen, wie erwartet, eine gleiche Punktverteilung, jedoch in zwei verschiedenen Größen. Photokopien von beiden Bildebenen erlauben den Studenten dann perspektivisch korrekte Zeichnungen in zwei verschiedenen Größen anzufertigen.laser-dot-drawing-512_Riedelbauch.jpg

Durch diese Erfahrung mit meinen Studenten, bekam ich eine gute Vorstellung von dem Zusammenhang des Abstandes Betrachtungspunkt/Bildebene und der Abbildungsgröße. Bei näherer Betrachtung des Dürer Druckes fiel mir auf, dass die Abbildung der Laute zu groß erscheint. Ich öffnete eine digitale Version dieses Bildes in der Bildbearbeitungs Software ‘Photoshop’ zur visuellen Untersuchung. Nachdem ich die Leinwand mit der Laute in Dürer’s Druck isoliert und perspektivisch korrekt manipuliert hatte, konnte ich eine Kopie davon in den offenen Rahmen projizieren. Die Verbindungslinie (Faden), die den Taststab an der Laute und den Betrachtungspunkt an der Wand verbindet, durchdringt die simulierte Leinwand in der korrespondierenden richtigen Position . Jedoch, wenn man einen anderen Punkt an der Laute wählt, wie z. B. den Berührungspunkt des Griffbrettes mit der Tischoberfläche, stellt sich heraus, dass der Projektionsstrahl zum Betrachtungspunkt die Leinwand nicht an der korrekten Stelle durchdringt.

Durer_Man_Drawing_A_Lute_Riedelbauch_fig07.jpg

Dürer’s Zeichnung der Laute ist überdimensioniert, zu groß. Verbindet man den Berührungspunkt des Griffbrettes mit dem korrespondierenden Punkt in der Leinwand, zeigt sich, dass dieser Projektionsstrahl weder zum Betrachtungspunkt zeigt, noch mit der ersterwähnten korrekten Linie konvergiert, also keinen gemeinsamen Betrachtungspunk hat.

Durer_Man_Drawing_A_Lute_Riedelbauch_fig09.jpg

Ich war überrascht, dass Dürer, ein Meister der Zentralperspektive – die Zweipunktperspektive war zu seiner Zeit noch nicht entwickelt – solch eine fehlerhafte Darstellung veröffentlichen würde. Ebenso verblüffte mich, dass eine Illustration von Prinzipien perspektivischer Darstellung ihre eigenen Regeln so eindeutig ignoriert. Es war weiterhin erstaunlich, dass ich keine Hinweise in der kunsthistorischen Literatur in Bezug auf diesen Fehler in dem so bekannten Holzschnitt finden konnte.

Was veranlasste Dürer diesen Fehler in seinem Buch abdrucken zu lassen? Platzierte er den Rahmen zu weit rechts, um der dominierenden Person – ich vermutete sie stelle den Meister dar – mehr Raum zu geben, während der Assistent, der den Schnittpunkt des Fadens im Rahmen festhält, sich mit eingeschränktem Raum abzufinden hatte? Es erschien plausible und Dürer’s Eitelkeit entsprechend, dass dem Meister mehr Raum zugeordnet werden musste. Jedoch sollte mich der Meister selbst eines Besseren belehren. In seinen Anweisungen zu diesem perspektivischen Zeichenapparat schreibt er: (sinngemäß) “Nun gehe wie folgt vor. Platziere eine Laute oder ein anderes Objekt nach eigenem Gutdünken vor den Rahmen, jedoch so, dass sich das Objekt während der Arbeit nicht bewegt. Lasse Deinen Assistenten den Taster hantieren….”. Dies stellt ohne Zweifel klar, dass die Figur rechts in der Abbildung den Meister darstellt und nicht den Assistenten wie ich fälschlicherweise angenommen hatte.

Die Abbildung der Laute ist als Punktzeichnung wahrheitsgemäss umrissen, jedoch zu gross für den Rahmen in der gezeigten Position. Es stellt sich die Frage:’ Wo müsste der Rahmen stehen, um die Punktzeichnung der Laute in der dargestellten Grösse erscheinen zu lassen? Wie das Laserexperiment mit den Studenten bestätigt, ist die Abbildung umso grösser je näher die Bildebene – der Rahmen mit der Leinwand – beim Objekt ist. In Dürer’s Holzschnitt müsste der Rahmen mehr nach links, also näher an die Laute rücken. Im weiteren fiel mir bei genauerer Betrachtung des Holzschnittes die eigenartige Stellung der linken Hand des Assistenten auf, dessen ausgestreckter Arm mehr auf der empfindlichen Vorrichtung mit der geöffneten Leinwand zu lasten schien, anstatt diese zu unterstützen. Mit Hilfe der Bildbearbeitungs Software verschob und verkleinerte ich den Rahmen bis er genau in die Hand des Assistenten passte. In dieser Position ist der Rahmen nur von der Seite zu sehen und stellt sich als senkrechte Leiste dar. Anschliessend markierte ich drei Referenzpunkte auf der Punktzeichnung der ausgeklappten Leinwand. Der erste Punkt, von Dürer selbst gewählt, markiert den Berührungspunkt des Taststabes mit der Laute, der zweite ist am Ende des Griffbrettes, und der dritte schliesslich zeigt die Stelle, wo der Hals des Instrumentes auf dem Tisch aufliegt. Im nächsten Schritt habe ich dann diese drei Punkte am Instrument selbst markiert und sie dann durch Linien mit dem Betrachtungspunkt an der Wand verbunden.

Durer_Man_Drawing_A_Lute_Riedelbauch_fig11.jpgNun veränderte ich die Position einer Leinwandkopie mit der Punktzeichung und den Referenzpunkten und verkleinerte diese perspektivisch korrekt bis sie der Rahmengrösse entsprach. Da die Leinwand zusammen mit dem Rahmen nun in die Mitte des Druckes zu stehen kommt, erscheinen sie – typisch für die Zentralperspektive – in der Seitenansicht. Dafür zeigt sich nun klar, dass alle Elemente, die Bezugspunkte am Instrument zusammen mit ihren Referenzpunkten auf der Leinwand im Betrachtungspunkt konvergieren.

Durer_Man_Drawing_A_Lute_Riedelbauch_fig12.jpgDas lässt den Schluss zu, dass Dürer ursprünglich geplant hatte den Rahmen dem Assistenten in die Hand zu geben, um dadurch die grösstmögliche Abbildung der Laute zu erreichen. Diese Stellung des Rahmens reduzierte jedoch die Klarheit der Illustration, da der Rahmen nur als Leiste zu sehen ist, und die Leinwand samt den Referenzpunkten von der Durchdringung des Tasterfadens unsichtbar bleibt.

Meine Schlussfolgerung ist, dass Albrecht Dürer bewusst die geometrisch richtige Darstellung zu Gunsten einer besseren Illustration des Prinzips aufgab. Dürer spielt mit den Bildelementen und gibt unserem Wahrnehmungssinn in einer pseudo-realen Konstruktion den Eindruck einer wahrheitsgemässen Situation. Er hat diese Illustration so überzeugend in den Block geschnitten, dass es fast fünfhundert Jahre und die Entwicklung benutzerfreundlicher Bildbearbeitungs – Software bedurfte um diese Täuschung aufzuzeigen. Der Holzschnitt, der über Jahrhunderte so erfolgreich Prinzipien der Perspektive darstellte, hat für mich dadurch nur noch mehr an Wert gewonnen, da er eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte über die Illustration von Prinzipien der Zentralperspektive und zugleich von den Grenzen dieses Abbildungssystems. Es war zu keiner Zeit meine Absicht diesen Meister der Renaissance zu kritisieren oder herabzusetzen, Dürer selbst steht mir hier zur Seite. Er schreibt in einem Entwurf eines Vorwortes zu einem geplanten Buch (c, Strauss, 1977):”Aber mit Gottes Hilfe möchte ich das Bisschen, das ich gelernt habe publizieren, selbst auf die Gefahr, dass man mich verspottet. Es soll mir aber nichts ausmachen.”

Strauss W. (1977). (a), The literary remains of Albrecht Dürer. Translation of and comments to The Painter’s Manual by Dürer A. (1525) Page 7. New York. Abaris Books.

Strauss W. (1977). (b), The literary remains of Albrecht Dürer. Translation of and comments to The Painter’s Manual by Dürer A. (1525) Page 391. New York. Abaris Books.

Strauss W. (1977). (c), The literary remains of Albrecht Dürer. Translation of and comments to The Painter’s Manual by Dürer A. (1525) Page 8. New York. Abaris Books.

These initial outcomes had been presented at Art and Authenticity at the Australian National University in November 2006, Canberra and at the ACUADS conference in September 2006, Melbourne.

Vielen Dank an Fritz Thurnheer für die geduldige Hilfe bei der Uebersetzung dieses Textes ins Deutsche.

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7 Responses to “Ist Albrecht Dürer ein Fehler unterlaufen? Eine überraschende Entdeckung in seinem Holzschnitt ‘Der Zeichner der Laute’”


  1. 1 Sarah E. 15/06/2007 at 1:54 AM

    I thoroughly enjoyed this. Your blog is a great read! Popped you onto my sidebar…I’ll be coming back frequently! Thank you so much!!

  2. 2 virtualterritory 18/06/2007 at 3:01 PM

    Thank you for your encouraging response.
    Gilbert

  3. 3 isolt 23/03/2011 at 10:58 PM

    danke! ich muss gestehen, dass ich erst jetzt zum ersten mal die dargestellte vorgehensweise wirklich verstanden habe. mich hatte immer dieser (du sagst der illustration wegen) geklappte rahmen irritiert.. ausserdem amüsiert es deine entdeckung zu lesen!


  1. 1 A page out of Dürer’s own copy of the Painters Manual « virtualterritory Trackback on 02/10/2008 at 2:04 PM
  2. 2 I wish I had known about this site earlier. The “Rare Book Room”. « virtualterritory Trackback on 17/10/2008 at 7:43 PM
  3. 3 Viajes con mi tía » Blog Archive » Los tahures del dibujo Trackback on 05/06/2010 at 2:25 AM

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